Die Feynman-Technik, und wie man mit ihr alles lernen kann

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Vieles von dem, was wir in unseren Schulen lernen, ist nur „Chauffeurs-Wissen“ ist, kein richtiges Wissen. Das heißt, dass die Schüler zwar in der Lage sind, das, was sie lernen, aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Oftmals können sie es aber nicht erklären und herleiten. Ganz einfach, weil sie es nicht in der Tiefe durchdrungen haben.

 
E s gibt zwei Arten von Wissen. Leider konzentrieren wir uns oft auf die falsche. Die eine Art ist richtiges Wissen, die andere ist das sogenannte Wissen über den Namen oder die Bezeichnung von etwas. Am besten lässt sich der Unterschied zwischen den beiden mit einer berühmt gewordenen Anekdote über Max Planck illustrieren.

Nachdem Max Planck im Jahr 1919 den Nobelpreis für Physik gewonnen hat, ist er – so die Erzählung – durch ganz Deutschland gereist und hat immer wieder die gleiche Vorlesung zur Entdeckung des sogenannten planckschen Wirkungsquantums gehalten. Dafür hatte er den Nobelpreis nämlich erhalten.

Er ist auf dieser Rundreise von seinem Chauffeur begleitet worden. Der Chauffeur hat die Vorlesung wieder und wieder gehört, und konnte sie irgendwann auswendig. Und er hat zu Max Planck gesagt „Herr Professor, diese Routine ist schon so langweilig. Wollen wir nicht die Plätze tauschen? Ich halte die Vorlesung in München, und sie sitzen mit meiner Chauffeurs-Mütze in der ersten Reihe.“ Max Planck hat dem Spaß zugestimmt, und sie haben die Rollen getauscht. Also hat der Chauffeur von Max Planck stellvertretend dessen Vorlesung gehalten. Natürlich ohne das Wissen der Zuhörer. Nach der Vorlesung wurde noch eine Frage gestellt, die der Chauffeur natürlich nicht beantworten konnte. Die pfiffige Antwort des Chauffeurs: „Ich bin verwundert, dass in einer so fortschrittlichen Stadt wie München eine derart banale Frage gestellt wird, die sogar mein Chauffeur beantworten kann.“ Und er hat die Frage durch seinen Chauffeur – also Professor Max Planck, der als Chauffeur verkleidet war – beantworten lassen.

An dieser kleinen Geschichte sieht man die zwei Arten von Wissen recht deutlich. Max Planck hatte richtiges Wissen, er hatte ein tiefgehendes Verständnis von den Sachverhalten, die er da vorgetragen hat. Sein Chauffeur nicht. Der hatte nur die richtigen Worte. Er konnte die Inhalte wiedergeben, fehlerfrei und für die informierten Zuhörer sogar verbunden mit einem echten Mehrwert. Ist auch klar, ob die schlauen Dinge der Herr Professor sagt, oder ob die gleichen schlauen Dinge der Chauffeur sagt, der sie nur auswendig gelernt hat, ist für den Zuhörer egal. Was dem Chauffeur aber zu jeder Zeit gefehlt hat, war das echte, tiefe Verständnis für die Materie. Wohl hat er über Wissen verfügt, aber eben nur über Wissen über den Namen oder die Bezeichnung von etwas.

Das Problem ist, dass die eine Art des Wissens gar nicht so leicht von der anderen Art des Wissens zu unterscheiden ist. Wenn einer etwas Kluges sagt, dann ist es ohne konkretes Nachfragen oft gar nicht möglich herauszufinden, über welche Art von Wissen der Sender der klugen Botschaft verfügt. Die Verantwortung für Entscheidungen sollten wir aber nur den Menschen übertragen, die über echtes Wissen verfügen, über „Max Planck-Wissen“, und nicht denen, die nur den Namen kennen, die über „Chauffeurs-Wissen“ verfügen. Nur die mit dem echten Wissen können die Folgen ihrer Entscheidung nämlich auch bewerten.

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass vieles von dem, was wir in unseren Schulen lernen, auch nur „Chauffeurs-Wissen“ ist, kein richtiges Wissen. Das heißt, dass die Schüler zwar in der Lage sind, das, was sie lernen, aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Oftmals können sie es aber nicht erklären und herleiten. Ganz einfach, weil sie es nicht in der Tiefe durchdrungen haben.


 
A n dieser Stelle kommt Richard Feynman ins Spiel. Feynman war ein amerikanischer Physiker, der von 1911 bis 1988 gelebt hat. Er gilt als einer der ganz großen Köpfe des letzten Jahrhunderts, er hat dabei geholfen die Quantenfeldtheorie zu entwickeln und dafür 1965 den Nobelpreis für Physik erhalten.

Feynman hat eine Lerntechnik kultiviert – ich möchte gar nicht sagen entwickelt, weil so besonders schwierig ist sie nicht, und ziemlich sicher haben das vorher auch schon viele andere gemacht – er hat also eine Lerntechnik kultiviert, die einem hilft echtes Wissen zu erwerben. Diese Lerntechnik ist unter dem Namen „Feynman Technik“ bekannt geworden, und sie besteht aus vier einfachen Schritten.

1. Wähle ein Fachgebiet

Also überlege Dir, in welchem Fachgebiet Du richtiges, echtes Wissen erwerben möchtest. Ganz einfach.

2. Lehre dieses Fachgebiet

Und dieser zweite Schritt wird jetzt wohl einige überraschen. Weil logisch wäre jetzt erst mal sich in diesem Fachgebiet schlau zu machen, sich einzulesen. Feynman aber sagt: lehre das Fachgebiet, wenn Du echtes Wissen erwerben willst. Das hat einen entscheidenden Vorteil: man beginnt das Fachgebiet schon ganz zu Beginn so richtig tief zu durchdringen.

Mir persönlich gefällt das deshalb so gut, weil ich aus Schule und Universität etwas ganz Anderes kenne. Bei meinem Bauingenieur-Studium zum Beispiel haben wir damit begonnen die einzelnen Fächer zu lernen - Mathematik, Statik, Festigkeitslehre, etc. -, und das bis über das Grundstudium hinaus vollkommen unzusammenhängend. Vielen von uns Studenten hat sich der Zusammenhang so richtig erst während eines Praktikums oder sogar erst gegen Ende des Studiums erschlossen. Was für eine mühsame Art zu lernen, ohne Sinn und ohne Zusammenhang! Was für eine Verschwendung von Lebenszeit durch sinn- und zusammenhangloses Lernen! Das geht auch anders, und zwar am allerbesten, indem man ganz von Beginn weg die Zusammenhänge mitdenkt und sich darum bemüht wirklich zu verstehen.

Mit Lehren meint Feynman übrigens nicht, dass man es tatsächlich lehren muss, also einer Klasse lehren oder als Nachhilfeunterricht: es reicht, wenn man so tut, als müsste man es jemandem erklären. Es hilft schon, wenn man es sich quasi selber erklärt.

3. Geh zurück und füll die Lücken

Klar, wenn man so lernt, dann trifft man sehr rasch auf Lücken, gerade am Beginn. Und die füllt man dann, zum Beispiel indem man jemanden fragt, nachliest oder auch indem man Erfahrungen sammelt. Und wenn man diese Lücken gefüllt hat, dann geht man weiter und lehrt es wieder, das heißt man erklärt es jemandem. Gerne auch sich selber.

4. Überprüfe und vereinfache

Das ist ganz wichtig. Die Erklärung sollte letztlich so einfach sein, als müsstest Du es einem Kleinkind erklären. Weg mit den Fachausdrücken. Jeder Fachausdruck verschleiert potenzielles Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen, also weg damit. Wir übersehen nämlich gerne die Gefahr, die von Fachvokabeln ausgeht. Wir hören sie, verstehen sie vielleicht nicht so richtig, fragen aber nicht nach. Wenn wir sie zehn Mal gehört haben, dann haben wir uns daran gewöhnt, sie aber nie so richtig in der Tiefe verstanden. Gewöhnen reicht leider nicht.

An dem Konzept von Feynman gefallen mir persönlich zwei Aspekte besonders gut. Erstens ist es keine Lerntechnik im Sinne des Merkens oder Auswendiglernens, sondern eine Lerntechnik im Sinne des Verstehens. Und was ich verstanden habe, das kann ich viel besser behalten als das, was ich mir nur gemerkt habe. Zweitens führt sie dazu, dass man das, was man lernt, sehr leicht reproduzieren kann. Am besten sieht man das in der Mathematik. Wenn ich verstanden habe, wie eine Formel hergeleitet wird, dann muss ich sie mir nicht merken. Dann kann ich sie bei Bedarf immer wieder herleiten.

Ich liebe die Feynman Technik. Ich lerne seit Jahren so ähnlich, ohne dass ich wusste, dass es dafür einen Begriff gibt. Wenn Du diesen Blog verfolgst oder meinen Podcast hörst, dann ist Dir vielleicht aufgefallen, dass ich diese Art des Verständnislernen auch hier versuche anzuwenden und umzusetzen.

Gelingt mir das denn auch? Über Feedback dazu freue ich mich sehr!